Fernweh als Lehrer: Ist das realistisch? Was keiner dir erzählt.
Fernweh als Lehrer. Das ist ein Traum, den viele haben.
Du sitzt im Lehrerzimmer, die fünfte Stunde Vertretung läuft, und jemand erzählt dir wieder: „Ich habe so ein Fernweh. Ich träume davon, ins Ausland zu gehen. Einfach weg. Neuer Kontinent, neue Schule, neue Chance.“
Dieses Fernweh als Lehrer ist real. Aber ist es auch realistisch?
Das ist der Traum vom Auswandern als Lehrer. Aber die Realität sieht anders aus.
Ich bin 2024 genau diesen Traum gegangen. Und ich kann dir sagen: Es ist realistisch. Aber nicht so, wie die meisten denken.
Der Unterschied zwischen Fernweh als Lehrer und der Realität
Der Traum sieht so aus:
- Du unterrichtest an einer exotischen Schule
- Dein Leben ist abwechslungsreich
- Du verdienst besser
- Es ist wie ein verlängerter Urlaub mit Gehalt
Die Realität sieht so aus:
- Du unterrichtest an einer sehr spezifischen Schule (Deutsche Auslandsschule oder ADLK)
- Dein Leben ist anstrengend, einsam, komplex
- Du verdienst ähnlich wie in Deutschland
- Es ist harte Arbeit in einem anderen Land
Einer dieser Unterschiede kostet Menschen den Job. Alle zusammen? Die kosten Menschen Jahre ihrer Karriere.
Mythos 1: „Du kannst überall unterrichten“
Das ist wahrscheinlich der größte Mythos.
Du kannst nicht einfach in Brasilien, Spanien oder Ägypten als deutscher Lehrer arbeiten. Wenn du Fernweh als Lehrer hast, musst du wissen: Es gibt nur zwei Wege.
- ADLK (Auslandsdienstlehrkraft): Du wirst von der ZfA an eine Deutsche Auslandsschule vermittelt. Dafür musst du verbeamtet oder unbefristet angestellt sein, einen langen Bewerbungsprozess durchlaufen, und dich von deinem Bundesland freistellen lassen. Die ZfA vermittelt weltweit, hauptsächlich an Deutsche Auslandsschulen und Europäische Schulen.
- OLK (Ortslehrkraft): Du bewirbst dich direkt bei einer Schule im Ausland als lokale Lehrkraft. Keine Vermittlung, kein Dienstherr, kein Beamtenstatus. Du bist lokaler Angestellter, verdienst weniger, hast andere Arbeitsverträge.
Es gibt kein „Ich gehe einfach nach Brasilien und unterrichte an einer beliebigen Schule“. Das funktioniert nicht.
Mythos 2: „Jedes Fach ist gleich gefragt“
Das ist falsch. Und besonders fatal, wenn du Englisch unterrichtest.
Die Wahrheit: Englisch ist an Deutschen Auslandsschulen nicht gefragt. Das klingt kontraintuiv, aber es ist Realität. Deutsche Auslandsschulen suchen Deutschlehrer, nicht Englischlehrer. Englisch sprechen die Schüler eh schon. Was sie brauchen, ist deutsche Sprache und deutsche Pädagogik.
Was wirklich gefragt ist (ADLK-Level):
- Biologie (sehr gefragt)
- Physik (sehr gefragt)
- Deutsch als Fremdsprache (gefragt)
- Mathematik (gefragt)
- Geschichte (manchmal gefragt)
- Englisch (nicht gefragt, sorry)
Was in den USA besonders häufig ist:
- Sport (überraschend, aber wahr: viele Schulen suchen Sport-Lehrkräfte)
- Naturwissenschaften (Bio, Physik)
OLK-Positionen sind anders: Wenn du dich als OLK (Ortslehrkraft) bewirbst, gelten andere Regeln. Die lokale Schule sucht, was sie braucht. Das kann auch Englisch sein. Aber: OLK verdienst du deutlich weniger (je nach Land), hast andere Arbeitsverträge, weniger Sicherheit.
Das ist der Punkt wo viele Lehrer scheitern. Sie haben Englisch, denken „Das ist eine Weltsprache, überall gefragt!“ und schreiben sich dumm und dämlich. Ergebnis: Absage nach Absage.
Mythos 3: „Es ist wie Urlaub mit Gehalt“
Nein.
Es ist arbeiten. Mit allen Komplikationen, die arbeiten im Ausland mit sich bringt:
- Du sprichst nicht die Landessprache fließend
- Deine Familie ist nicht in der Nähe
- Das Schulsystem ist anders
- Die Schüler erwarten andere Dinge
- Die Schulleitung erwartet andere Dinge
- Es gibt kulturelle Missverständnisse, täglich
- Du bist die einzige Person in deinem sozialen Umfeld, die diese spezifische Erfahrung macht
Das ist nicht Urlaub. Das ist Verantwortung. Mit Jetlag. Und Heimweh.
Im ersten halben Jahr wirst du dich wahrscheinlich fragen: „Was habe ich mir nur gedacht?“
Das ist normal. Das geht vielen so. Und die meisten berichten: Nach sechs Monaten wird es besser.
Aber die ersten sechs Monate sind hart.
Mythos 4: „Du verdienst besser“
Das kommt auf das Land an. Aber generell: Nein, nicht wirklich.
Als ADLK bekommst du:
- Inlandszuwendung (steuerpflichtig, Deutschland)
- Auslandszuwendung (steuerfrei)
- Zuschläge für Familie, Umzug, Reisekosten
Zusammen: oft ähnlich wie dein Gehalt in Deutschland, manchmal etwas mehr, manchmal weniger.
Die Lebenshaltungskosten sind oft höher als erwartet. Eine Wohnung in Rio de Janeiro ist nicht billiger als in München. Flüge nach Hause sind teuer. Schulgebühren für Kinder (falls du Kinder hast) können astronomisch sein.
Unterm Strich: Du verdienst nicht „viel besser“. Du verdienst, um dich dort zu halten.
Die Realität: Welche Fächer wirklich gefragt sind und für wen es funktioniert
Wenn du ADLK werden willst:
- Bio oder Physik? Du hast gute Chancen.
- Deutsch? Sehr gefragt (auch DaF, Deutsch als Fremdsprache).
- Mathe? Immer gefragt.
- Englisch? Vergiss es.
- Sport? Besonders in den USA sehr gefragt.
- Andere Fächer? Schwieriger, aber nicht unmöglich.
Das ändert sich je nach Region. In den USA ist Sport gefragt. In Europa ist Deutsch gefragt. In Asien ist oft alles gefragt, aber auch kompetitiver.
Wenn du OLK werden willst: Dann spielen andere Regeln. Die lokale Schule sucht, was sie braucht. Das kann alles sein. Aber du verdienst weniger und hast weniger Sicherheit.
Für wen ist es realistisch?
Es ist realistisch für Menschen, die:
- Ein gefragtes Fach unterrichten (Bio, Physik, Deutsch, Mathe). Englisch nicht.
- Bereit sind für echte Veränderung. Nicht für Urlaub, sondern für eine komplette Umstellung deines Lebens. Andere Sprache, anderes Schulsystem, andere Kultur, weniger Familie, mehr Verantwortung.
- Mindestens 2-3 Jahre bleiben können. Wenn du nach einem Jahr wieder rennst, war die ganze Arbeit für die Katz. Deutsche Auslandsschulen investieren in deine Einarbeitung. Sie wollen, dass du bleibst.
- Eine echte Freistellung von deinem Bundesland bekommen. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Manche Bundesländer sind kulant, andere stellen sich quer.
- Bereit sind, den ADLK-Prozess durchzustehen. Von der Bewerbung bis zur Ausreise: 12-18 Monate. Mit Freistellung, Behördengängen, Beglaubigungen, Visum. Das ist anstrengend.
Die ehrliche Antwort
Ja, es ist realistisch. Aber nur unter bestimmten Bedingungen.
Du brauchst:
- Ein gefragtes Fach (nicht Englisch)
- Durchhaltevermögen
- Realistische Erwartungen
- Die Bereitschaft, für 2-3 Jahre dein Leben komplett umzukrempeln
Wenn du das hast, ist es nicht nur realistisch. Es ist eine der besten Entscheidungen, die du treffen kannst.
Ich bin nicht bereut. Trotz der harten Momente. Trotz der Einsamkeit. Trotz der Bürokratie.
Aber ich bin auch nicht naiv in die Sache gegangen. Ich habe gewusst, worauf ich mich einlasse.
Das ist der Unterschied zwischen dem Traum und der Realität.
Deine nächsten Schritte
Wenn du dein Fach prüfen willst: Schau auf die ZfA-Website (auslandsschulwesen.de). Dort sind die aktuellen Bedarfe gelistet.
Wenn du erst informieren willst, bevor du dich entscheidest: Hol dir meinen kostenlosen Guide „10 Stolperfallen beim Auswandern als Lehrer„. Darin sind die häufigsten Fehler gelistet, die viele machen.
Und wenn du weißt, dass du es ernsthaft versuchst: Schreib mir. Ich kann dir erzählen, wie der Prozess wirklich läuft. Nicht die Theorie von der ZfA. Die Realität von jemandem, der es gerade durchgemacht hat.
P.S.: Ja, Englisch wird überall auf der Welt gebraucht. Aber nicht an Deutschen Auslandsschulen. Dort wird Deutsch gebraucht. Das ist ein wichtiger Unterschied, den viele Lehrer nicht verstehen, bevor sie sich bewerben. Versteh es jetzt, bevor du deine Zeit verschwendest.
